Knoblauch – was kann die Knolle wirklich (außer Vampire vertreiben)?

Kaum eine Heilpflanze hat ein derart widersprüchliches Image wie Knoblauch. In der Küche ist er für die einen unverzichtbar, für die anderen ein zuverlässiger Grund, am nächsten Morgen im Büro etwas mehr Abstand zu den Kollegen zu halten. Und irgendwo zwischen Spaghetti aglio e olio und Knoblauchkapseln lauert auch noch Graf Dracula.

Dass Knoblauch Vampire vertreibt, dürfen wir getrost ins Reich der Legenden verbannen. Dass Allium sativum gesundheitlich interessant ist, dagegen nicht. Knoblauch wird seit Jahrhunderten als Heilpflanze verwendet und gehört zu den pflanzlichen Mitteln, die auch wissenschaftlich vergleichsweise gut untersucht wurden.

Nur: Was kann die Knolle tatsächlich? Und vor allem – wie lässt sie sich sinnvoll verwenden?

Was steckt im Knoblauch?

Die interessantesten Stoffe entstehen ausgerechnet dann, wenn wir dem Knoblauch an den Kragen gehen.

In einer unversehrten Knoblauchzehe befinden sich unter anderem schwefelhaltige Verbindungen und das Enzym Alliinase zunächst voneinander getrennt. Wird die Zehe geschnitten, zerdrückt oder gehackt, kommen sie miteinander in Kontakt. Dabei entsteht unter anderem Allicin – eine Verbindung, die wesentlich für den typischen Knoblauchgeruch verantwortlich ist und zu den besonders intensiv erforschten Inhaltsstoffen gehört.

Allerdings ist Allicin nicht besonders stabil. Wie viel davon beziehungsweise von seinen Folgeprodukten letztlich zur Verfügung steht, hängt deshalb auch davon ab, wie der Knoblauch verarbeitet wird.

Und damit sind wir schon bei der praktischeren Frage.

Roh, gekocht oder als Präparat – wie verwendet man Knoblauch?

Frischer Knoblauch

Die einfachste Form ist gleichzeitig die naheliegendste: Knoblauch ganz normal als Lebensmittel verwenden.

Eine Zehe lässt sich hacken, schneiden oder durch eine Knoblauchpresse drücken und beispielsweise in Salate, Kräuterquark, Dips, Gemüsegerichte oder Suppen geben.

Wer die schwefelhaltigen Inhaltsstoffe möglichst wenig durch Hitze verändern möchte, kann den Knoblauch erst gegen Ende des Kochens zugeben oder roh verwenden. Das bedeutet allerdings nicht, dass gekochter Knoblauch plötzlich wertlos wäre. Seine Zusammensetzung verändert sich lediglich.

Und selbstverständlich gilt auch hier nicht: Viel hilft viel. Wer empfindlich auf rohen Knoblauch reagiert, bekommt von größeren Mengen möglicherweise eher Bauchgrummeln als einen Gesundheitspreis.

Knoblauch als regelmäßiger Bestandteil der Küche

Für gesunde Menschen spricht wenig dagegen, Knoblauch schlicht regelmäßig in den Speiseplan einzubauen. Das ist wahrscheinlich auch die unkomplizierteste Art, ihn zu nutzen.

Dabei müssen es keine spektakulären „Knoblauch-Kuren“ sein. Ein bisschen Knoblauch im Ofengemüse, im Salatdressing, in Tomatensoße, Pesto oder einem Dip ist wesentlich alltagstauglicher.

Und vielleicht ist genau das eine der sympathischsten Eigenschaften dieser Heilpflanze: Man muss nicht aus allem einen Tee kochen.

Knoblauchzehen mit Mörser und Öl auf einem Holzbrett

Knoblauch fürs Herz – was ist dran?

Besonders häufig wird Knoblauch mit Herz und Kreislauf in Verbindung gebracht.

Hier lohnt sich der Blick auf die wissenschaftlichen Daten. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Knoblauchpräparate bei Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten Gesamtcholesterin und teilweise LDL-Cholesterin in begrenztem Umfang senken können. Auch für den Blutdruck gibt es Hinweise auf einen kleinen Effekt bei Menschen mit erhöhtem Blutdruck. Die Ergebnisse hängen allerdings unter anderem vom verwendeten Präparat ab.

Das macht Knoblauch interessant – aber nicht zum Ersatz für Blutdruck- oder Cholesterinmedikamente.

Genau hier wird aus einer vernünftigen Heilpflanze im Internet nämlich gerne eine Wunderknolle. Wer bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder deutlich erhöhte Werte hat, sollte nicht versuchen, seine Behandlung eigenmächtig gegen Knoblauch auszutauschen.

Und wie nimmt man Knoblauch dafür ein?

Hier müssen wir zwischen Lebensmittel und Arzneipräparat unterscheiden.

Frischen Knoblauch kann man problemlos in die normale Ernährung integrieren. Bei standardisierten Knoblauchpräparaten sieht es anders aus: Extrakte, Pulver, Ölmazerate und andere Zubereitungen sind nicht automatisch miteinander vergleichbar. Auch die Mengen der enthaltenen Inhaltsstoffe können sich erheblich unterscheiden.

Deshalb wäre eine pauschale Empfehlung wie „Nimm täglich zwei Knoblauchkapseln“ unseriös. Wer Knoblauch gezielt therapeutisch einsetzen möchte, sollte sich nach dem jeweiligen Präparat und dessen Dosierungsangaben richten und bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme ärztlich oder pharmazeutisch nachfragen.

Das ist weniger spektakulär als eine universelle Knoblauch-Dosis – dafür stimmt es.

Knoblauch gegen Erkältungen?

Knoblauch hat auch den Ruf, Erkältungen verhindern oder schneller vertreiben zu können.

Die EMA erkennt eine traditionelle Anwendung zur Linderung von Erkältungssymptomen an. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine starke klinische Wirksamkeit bewiesen wäre. Das NCCIH verweist darauf, dass es bislang nur wenige klinische Studien gibt und die vorhandenen Daten nicht ausreichen, um eine zuverlässige Wirkung zur Vorbeugung oder Behandlung einer Erkältung festzustellen.

Wer bei einer Erkältung gerne Knoblauch isst, darf das also weiterhin tun. Die heiße Suppe mit Knoblauch kann durchaus angenehm sein.

Nur sollte man dem Knoblauch anschließend nicht den Orden für die Heilung verleihen.

Knoblauch auf die Haut? Lieber nicht

Im Internet begegnet man gelegentlich dem Tipp, rohe Knoblauchzehen oder zerdrückten Knoblauch beispielsweise gegen Warzen, Pickel oder andere Hautprobleme direkt auf die Haut zu legen.

Davon würde ich abraten.

Roher Knoblauch kann die Haut stark reizen und sogar chemische Verbrennungen verursachen. Das NCCIH warnt ausdrücklich vor der direkten Anwendung von frischem rohem Knoblauch auf der Haut.

Hier gilt also:

Knoblauch lieber auf die Bruschetta als auf den Pickel.

Gibt es Nebenwirkungen?

Oh ja – und die bekannteste dürfte niemanden überraschen.

Knoblauch kann Mund- und Körpergeruch verursachen. Daneben sind bei größeren Mengen beziehungsweise Präparaten unter anderem Magenbeschwerden, Blähungen, Sodbrennen und Übelkeit möglich. Manche Menschen reagieren außerdem allergisch.

Wichtiger ist jedoch etwas anderes:

Knoblauchpräparate können die Blutungsneigung erhöhen.

Besonders wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt oder vor einer Operation steht, sollte hoch dosierte Knoblauchpräparate deshalb nicht einfach auf eigene Faust verwenden. Das NCCIH weist ausdrücklich auf dieses mögliche Risiko hin.

Normale Mengen Knoblauch als Lebensmittel sind davon zu unterscheiden. Bei Nahrungsergänzungsmitteln oder gezielt hoch dosierten Präparaten lohnt sich dagegen der Blick auf mögliche Wechselwirkungen.

Knoblauchpflanzen mit Knollen

Frischer Knoblauch oder Kapseln?

Wer Knoblauch einfach als gesundes Lebensmittel nutzen möchte, braucht meines Erachtens nicht automatisch eine Dose Kapseln im Küchenschrank.

Frischer Knoblauch ist preiswert, vielseitig und lässt sich problemlos in die Ernährung integrieren.

Präparate haben dagegen einen anderen Zweck: Sie ermöglichen definierte Zubereitungen und Dosierungen und werden teilweise genau in dieser Form wissenschaftlich untersucht. Studien mit einem bestimmten Knoblauchextrakt lassen sich deshalb nicht automatisch auf eine beliebige Menge frischen Knoblauchs übertragen.

„Knoblauch wirkt“ ist also eigentlich eine zu einfache Aussage. Entscheidend ist immer auch: welcher Knoblauch, welche Zubereitung, welche Menge – und wofür?

Und was ist nun mit den Vampiren?

Hier wird die wissenschaftliche Datenlage bedauerlicherweise dünn.

Uns ist jedenfalls keine überzeugende randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie bekannt, in der eine Gruppe Vampire Knoblauch bekam und die Kontrollgruppe nicht.

Bis dahin müssen wir die Wirkung gegen Vampire als traditionelle Anwendung mit erheblichem Forschungsbedarf einstufen. 😀

Für Menschen dagegen lässt sich Knoblauch wesentlich vernünftiger einordnen: Er ist ein interessantes Lebensmittel und eine traditionelle Heilpflanze mit einigen wissenschaftlich untersuchten Wirkungen. Vor allem bei Blutdruck und Blutfetten gibt es Hinweise auf moderate Effekte bestimmter Knoblauchpräparate – aber eben keine Wunderwirkung.

Vielleicht braucht Knoblauch die auch gar nicht.

Eine Pflanze, die Essen interessanter macht, seit Jahrhunderten medizinisch genutzt wird und nebenbei noch Dracula auf Abstand hält, hat schließlich schon genug zu tun.


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information über Heilpflanzen und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden, bestehenden Erkrankungen oder der Einnahme von Medikamenten solltest du ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen.