Wenn die Nase läuft, der Hals kratzt und der Husten sich ankündigt, haben Heilpflanzen Hochsaison. Thymian, Salbei und Lindenblüten gehören zu den Klassikern der Hausapotheke. Aber was können sie wirklich – und wo hört die Pflanzenpower auf?
Es beginnt meistens ganz harmlos. Ein leichtes Kratzen im Hals. Ein Niesen, bei dem man sich noch einredet, es sei bestimmt nur Staub gewesen. Zwei Stunden später folgt das zweite Niesen, am Abend läuft die Nase – und am nächsten Morgen steht fest: Der Staub war unschuldig.
Eine Erkältung ist da.
Und spätestens jetzt werden in vielen Haushalten Teekannen, Kräuterschubladen und Hausmittel mobilisiert. Salbei gegen Halsweh, Thymian gegen Husten, Lindenblütentee zum Schwitzen – manches davon wurde schon von unseren Großmüttern empfohlen.
Aber nur weil etwas seit Generationen verwendet wird, muss es noch lange kein Wundermittel sein. Umgekehrt ist traditionelle Pflanzenmedizin auch nicht automatisch Hokuspokus.
Schauen wir also einmal nach, was drei bekannte Erkältungskräuter tatsächlich können.

Thymian: Mehr als nur Begleitung für Ofenkartoffeln
Wer Thymian bisher hauptsächlich aus der Küche kennt, unterschätzt das kleine Kraut gewaltig. Thymus vulgaris gehört zu den klassischen Heilpflanzen bei Erkältungshusten.
Besonders interessant sind seine ätherischen Öle, darunter Thymol und Carvacrol. Traditionell werden Thymianzubereitungen vor allem bei verschleimtem Husten im Rahmen einer Erkältung eingesetzt. Genau diese Anwendung erkennt auch der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur aufgrund der langjährigen traditionellen Verwendung an.
Dabei ist eine kleine Unterscheidung wichtig: Das bedeutet nicht, dass Thymian in großen modernen Studien zweifelsfrei als hochwirksames Hustenmittel bewiesen wäre. Die EMA weist ausdrücklich darauf hin, dass die klinische Datenlage für reinen Thymian begrenzt ist. Seine Anwendung gilt vor allem aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung als plausibel.
Kurz gesagt: Thymian kann bei erkältungsbedingtem Husten eine sinnvolle Unterstützung sein – die Erkältung selbst vertreibt er nicht.
Verwendet wird Thymian beispielsweise als Tee; außerdem steckt er in zahlreichen pflanzlichen Hustensäften und anderen Fertigpräparaten.
Und wer beim Stichwort Thymian zuerst an mediterranes Abendessen denkt, darf beruhigt sein: Eine Pflanze kann durchaus Karriere in Küche und Hausapotheke machen.
Salbei: Der Klassiker für den kratzenden Hals
Beim Salbei liegt die Stärke an einer anderen Stelle.
Die Blätter von Salvia officinalis enthalten unter anderem ätherisches Öl, Gerbstoffe und weitere Pflanzenstoffe. Medizinisch interessant ist Salbei insbesondere bei Beschwerden im Mund- und Rachenraum. Auch die EMA führt Salbeiblätter ausdrücklich in diesem Anwendungsgebiet.
Deshalb ist Salbeitee bei einem gereizten Hals nicht bloß ein Relikt aus Omas Hausapotheke. Er kann getrunken oder – nach ausreichendem Abkühlen – zum Gurgeln verwendet werden.
Allerdings gilt auch hier: Salbei beseitigt nicht die Viren, die eine gewöhnliche Erkältung verursachen. Er ist vielmehr ein Helfer für eines ihrer lästigsten Symptome.
Und das ist durchaus etwas wert. Wer schon einmal nachts mit einem Hals aufgewacht ist, der sich beim Schlucken wie grobes Schleifpapier anfühlt, stellt an seine Teetasse schließlich keine übertriebenen Ansprüche. Hauptsache, sie macht die Sache ein bisschen angenehmer.

Lindenblüten: Erkältungstee mit langer Tradition
Lindenblütentee gehört zu den Hausmitteln, die schon durch ihren Duft nach Wolldecke und Krankentag klingen.
Verwendet werden die Blüten verschiedener Lindenarten, darunter Sommer- und Winterlinde. Traditionell kommen Lindenblüten zur Linderung von Erkältungsbeschwerden zum Einsatz. Auch hierfür existiert eine europäische Pflanzenmonographie.
Besonders bekannt ist die Verwendung als heißer Tee. Früher wurde Lindenblütentee häufig als klassischer „Schwitztee“ empfohlen. Wer ihn heiß trinkt und sich anschließend warm ins Bett legt, wird möglicherweise tatsächlich ordentlich ins Schwitzen kommen.
Dabei sollte man aber Ursache und Wirkung nicht durcheinanderbringen: Eine Erkältung lässt sich nicht einfach „herausschwitzen“. Der warme Tee liefert Flüssigkeit, Wärme kann angenehm sein und das Ritual tut vielen Menschen gut – aber Viren lassen sich davon nicht beeindrucken.
Das macht Lindenblütentee keineswegs nutzlos. Gerade wenn man erkältet ist und ohnehin ausreichend trinken sollte, kann eine wohltuende Tasse Tee ausgesprochen willkommen sein.

Und was ist mit Ingwer?
Kaum ein moderner Erkältungstee kommt inzwischen ohne Ingwer aus. Ein paar Scheiben frische Knolle, heißes Wasser, vielleicht etwas Zitrone – fertig ist das vermeintliche Anti-Erkältungs-Elixier.
Ingwer ist ohne Frage eine interessante Heilpflanze. Nur liegt seine besser untersuchte medizinische Stärke nicht ausgerechnet bei Erkältungen. Wissenschaftlich wurde Ingwer beispielsweise wesentlich intensiver im Zusammenhang mit verschiedenen Formen von Übelkeit untersucht. Für die verbreitete Vorstellung, Ingwer könne eine Erkältung verkürzen oder vertreiben, ist die Beweislage dagegen deutlich dünner.
Wer Ingwertee bei einer Erkältung gerne trinkt, muss ihn deshalb natürlich nicht aus der Tasse verbannen. Warm, aromatisch und angenehm kann er trotzdem sein.
Nur sollte man aus einer wohltuenden Tasse Tee kein antivirales Medikament machen.
Drei Pflanzen – drei unterschiedliche Aufgaben
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis: „Die Heilpflanze gegen Erkältung“ gibt es nicht.
Eine Erkältung besteht schließlich aus verschiedenen Beschwerden. Deshalb lohnt es sich eher, nach dem Symptom zu schauen:
Verschleimter Husten? Hier ist Thymian besonders interessant.
Kratzen und Beschwerden im Hals? Salbei ist der naheliegende Kandidat.
Allgemeine Erkältungsbeschwerden und das Bedürfnis nach einem heißen Tee? Lindenblüten passen gut.
Und manchmal ist die beste Unterstützung ausgesprochen unspektakulär: Ruhe, ausreichend trinken und dem Körper ein paar Tage Zeit geben.
Das verkauft sich als Geheimtipp vermutlich schlechter als „Dieses Wunderkraut besiegt jede Erkältung in 24 Stunden“.
Dafür stimmt es eher

Natürlich heißt auch bei Erkältungen nicht automatisch harmlos
Auch Erkältungskräuter sind keine Bonbons.
Pflanzliche Arzneimittel können Nebenwirkungen haben, Allergien auslösen oder für bestimmte Menschen ungeeignet sein. Besonders bei konzentrierten ätherischen Ölen gelten andere Vorsichtsmaßnahmen als bei einer gewöhnlichen Tasse Kräutertee.
Auch die Dosierung und die Frage, ob ein Präparat für Kinder geeignet ist, hängen vom konkreten Produkt und der Zubereitung ab. Bei pflanzlichen Fertigarzneimitteln gehört deshalb ein Blick in die Packungsbeilage dazu.
Das hatten wir beim Kräuterfuchs ja schon einmal: „pflanzlich“ ist eine Herkunftsangabe, kein Sicherheitszertifikat.
Wann die Teekanne nicht mehr reicht
Die meisten unkomplizierten Erkältungen gehen von selbst wieder vorbei. Es gibt aber Situationen, in denen man nicht weiter mit Salbei und Thymian herumexperimentieren sollte.
Ärztlicher Rat ist insbesondere sinnvoll, wenn die Beschwerden ungewöhnlich stark sind, sich deutlich verschlimmern oder länger anhalten. Bei Atemnot, ausgeprägten Atembeschwerden oder anderen alarmierenden Symptomen sollte ebenfalls medizinisch abgeklärt werden, was dahintersteckt. Selbst die EMA empfiehlt bei entsprechenden Thymianpräparaten eine ärztliche Abklärung, wenn sich die Beschwerden verschlechtern oder länger als etwa eine Woche anhalten; bei Thymianöl werden unter anderem Fieber und Atemprobleme ausdrücklich als Warnzeichen genannt.
Und natürlich gilt: Nicht alles, was mit Husten, Schnupfen und Fieber beginnt, ist automatisch eine harmlose Erkältung.
Heilpflanzen können Beschwerden lindern und das Kranksein angenehmer machen. Sie sollen aber nicht verhindern, dass man rechtzeitig zum Arzt geht, wenn etwas nicht nach einer gewöhnlichen Erkältung aussieht.

Einer fehlt noch: der Holunder
Aufmerksame Kräuterfreunde werden ihn vielleicht schon vermisst haben.
Wo ist der Holunder?
Keine Sorge, der Kräuterfuchs hat ihn nicht vergessen. Holunderblüten gehören ebenfalls zu den traditionellen Pflanzen bei beginnenden Erkältungsbeschwerden; auch diese Verwendung wird von der EMA aufgrund langjähriger Anwendung anerkannt.
Aber der Holunder ist viel zu interessant, um ihn hier noch schnell zwischen Thymian und Salbei zu quetschen.
Deshalb bekommt er demnächst seinen eigenen Auftritt: von den Blüten bis zu den dunklen Beeren – und natürlich mit der Frage, was an seinem Ruf als Erkältungspflanze tatsächlich dran ist.
Der Kräuterfuchs bleibt dran. 🦊
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information über Heilpflanzen und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden, bestehenden Erkrankungen oder der Einnahme von Medikamenten solltest du ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen.
