Natürlich heißt nicht harmlos – wann Heilpflanzen auch schaden können

Offenes Notizbuch umgeben von verschiedenen Heilpflanzen und Kräutern

„Ist doch pflanzlich!“

Kaum ein Satz klingt beruhigender. Und kaum einer kann so gründlich in die Irre führen.

Pflanzlich verbinden wir mit Natur, mit sanfter Medizin, mit Kräutertee und Großmutters Hausapotheke. Bei Tabletten und „Chemie“ werden viele Menschen skeptisch. Aber eine Heilpflanze? Die wächst schließlich friedlich auf der Wiese. Was soll da schon passieren?

Nun ja. So einiges.

Und das ist überhaupt kein Argument gegen Heilpflanzen. Ganz im Gegenteil. Gerade weil Pflanzen eine Wirkung haben, können sie unter bestimmten Umständen auch Nebenwirkungen verursachen, sich mit Medikamenten in die Quere kommen oder für manche Menschen schlicht ungeeignet sein.

Wer Heilpflanzen sinnvoll nutzen möchte, sollte deshalb nicht nur wissen, was sie können, sondern auch, wann ein bisschen Vorsicht angebracht ist.

Eine Pflanze ist keine harmlose Dekoration

Dass etwas in der Natur wächst, sagt zunächst einmal erstaunlich wenig darüber aus, wie bekömmlich es für uns ist.

Fingerhut ist Natur. Tollkirsche auch. Und der Knollenblätterpilz wird ebenfalls nicht in einer finsteren Chemiefabrik zusammengerührt.

Nun wird hoffentlich niemand auf die Idee kommen, sich morgens einen gemütlichen Fingerhut-Tee aufzubrühen. Das Beispiel zeigt aber sehr schön, wo der Denkfehler liegt:

„Natürlich“ und „harmlos“ sind nicht dasselbe.

Pflanzen produzieren eine ganze Reihe wirksamer Stoffe. Genau deshalb interessieren wir uns schließlich für Heilpflanzen. Ätherische Öle, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Alkaloide und viele andere Pflanzenstoffe können Vorgänge in unserem Körper beeinflussen.

Und wo etwas wirkt, kann es grundsätzlich auch unerwünscht wirken.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Sind Heilpflanzen gefährlich?

Sondern vielmehr:

Welche Pflanze ist für wen, in welcher Menge und in welcher Situation geeignet?

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) mit pinkfarbenen Blüten

Die Dosis macht auch beim Kräutertee einen Unterschied

Ein oder zwei Tassen Tee sind etwas anderes als hochkonzentrierte Extrakte, Tropfen oder Kapseln.

Das wird leicht vergessen.

Wer sich einen Kräutertee zubereitet, nimmt die Pflanzenstoffe meist in einer anderen Konzentration auf als mit einem standardisierten Extrakt. Bei pflanzlichen Arzneimitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln können bestimmte Inhaltsstoffe deutlich konzentrierter vorliegen.

Mehr hilft deshalb nicht automatisch mehr.

Wenn auf der Packung zwei Kapseln stehen, werden vier nicht plötzlich zur doppelten Portion Gesundheit. Der Körper ist leider kein Bonusprogramm, bei dem es für die doppelte Menge auch doppelte Wirkungspunkte gibt.

Der berühmte Satz „Die Dosis macht das Gift“ gilt eben nicht nur für Medikamente aus der Apotheke.

Und auch die Art der Anwendung spielt eine Rolle. Tee, Tinktur, Extrakt und ätherisches Öl mögen alle aus derselben Pflanze stammen – austauschbar sind sie deshalb noch lange nicht.

Besonders wichtig: Heilpflanzen und Medikamente

Jetzt kommen wir zu einem Punkt, bei dem der Kräuterfuchs seine Scherze kurz ein bisschen zurückfährt.

Denn pflanzliche Mittel und Medikamente leben in unserem Körper nicht in getrennten Wohnungen und grüßen sich höchstens gelegentlich im Treppenhaus.

Sie können miteinander wechselwirken.

Manche Pflanzenstoffe beeinflussen beispielsweise, wie Arzneimittel aufgenommen oder im Körper abgebaut werden. Dadurch kann ein Medikament stärker oder schwächer wirken als beabsichtigt.

Ein besonders bekanntes Beispiel dafür ist Johanniskraut.

Johanniskrautpräparate werden zur Behandlung bestimmter depressiver Erkrankungen eingesetzt. Gleichzeitig können sie Enzymsysteme und Transportmechanismen im Körper beeinflussen, die für zahlreiche Arzneimittel wichtig sind.

Dadurch können manche Medikamente schneller abgebaut werden – und anschließend weniger zuverlässig wirken.

Bekannte Wechselwirkungen gibt es unter anderem mit bestimmten gerinnungshemmenden Arzneimitteln, Immunsuppressiva und einigen weiteren Medikamenten. Auch die Wirksamkeit hormoneller Verhütungsmittel kann beeinträchtigt werden.

Ausgerechnet eine Pflanze, die auf der Wiese ausgesprochen harmlos aussieht, ist damit ein Paradebeispiel dafür, warum „pflanzlich“ nicht automatisch „problemlos kombinierbar“ bedeutet.

Johanniskraut mit Fläschchen eines pflanzlichen Präparats

Wer regelmäßig Medikamente einnimmt und zusätzlich ein pflanzliches Präparat verwenden möchte, sollte deshalb vorher in der Apotheke oder beim Arzt nach möglichen Wechselwirkungen fragen.

Das ist keine Panikmache. Es ist einfach vernünftiger Umgang mit wirksamen Stoffen.

Auch bekannte Küchenkräuter haben Grenzen

Es braucht übrigens gar keine exotische Pflanze, um genauer hinschauen zu müssen.

Nehmen wir Salbei.

Salbeitee ist ein beliebtes Hausmittel, zum Beispiel zum Gurgeln bei Beschwerden im Mund- und Rachenraum oder bei übermäßigem Schwitzen.

Salbei enthält unter anderem Thujon. Deshalb kommt es auch hier auf Zubereitung, Dosierung und Anwendungsdauer an. Eine gelegentliche Tasse Salbeitee ist etwas anderes als hochkonzentrierte Zubereitungen oder Salbeiöl.

Das gilt für zahlreiche Heilpflanzen.

Die gelegentliche Verwendung als Tee oder Gewürz ist etwas anderes als die dauerhafte Einnahme eines konzentrierten Präparates.

Deshalb lohnt sich immer ein Blick auf die Frage:

Was genau verwende ich hier eigentlich – und wie viel davon?

Ätherische Öle: kleine Flasche, große Konzentration

Besonders deutlich wird das bei ätherischen Ölen.

So ein kleines Fläschchen Lavendel-, Pfefferminz- oder Eukalyptusöl sieht ausgesprochen unschuldig aus. Darin stecken bestimmte Pflanzenstoffe allerdings hochkonzentriert.

Ein paar Tropfen ätherisches Öl sind deshalb nicht dasselbe wie eine Tasse Kräutertee.

Manche ätherischen Öle können Haut und Schleimhäute reizen. Einige sind für Säuglinge oder kleine Kinder ungeeignet, und nicht jedes Öl gehört unverdünnt auf die Haut – geschweige denn ohne Weiteres in den Mund.

„Es sind doch nur ein paar Tropfen“ ist deshalb keine Dosierungsanleitung.

Bei ätherischen Ölen gilt ganz besonders: Vorher informieren und die jeweilige Anwendungsempfehlung beachten.

Schwangerschaft, Kinder und Vorerkrankungen: Nicht alles passt für jeden

Eine Heilpflanze, die für einen gesunden Erwachsenen geeignet ist, muss nicht automatisch für jeden Menschen die richtige Wahl sein.

In Schwangerschaft und Stillzeit ist bei manchen Heilpflanzen Vorsicht angesagt – unter anderem deshalb, weil für etliche Pflanzen schlicht nicht genügend verlässliche Daten zur Sicherheit vorliegen.

Bei Kindern gelten wiederum andere Dosierungen und Einschränkungen. Und auch bestehende Erkrankungen, beispielsweise von Leber oder Nieren, können eine Rolle spielen.

Besondere Aufmerksamkeit ist außerdem sinnvoll, wenn regelmäßig mehrere Medikamente eingenommen werden.

Verschiedene Medikamente und Tabletten in einem Medikamentenbehälter

Das bedeutet nicht, dass diese Menschen grundsätzlich die Finger von Heilpflanzen lassen müssen.

Es bedeutet lediglich: Ein bisschen genauer hinschauen lohnt sich.

Und im Zweifel ist eine kurze Nachfrage beim Arzt oder in der Apotheke wesentlich sinnvoller als das Motto: „Wird schon gutgehen.“

Wenn aus der Hausapotheke ein Forschungsprojekt wird

Vielleicht kennst du solche Badezimmerschränke.

Da steht das pflanzliche Präparat für den Schlaf neben den Vitaminen. Daneben die Tropfen fürs Immunsystem, ein Nahrungsergänzungsmittel für die Gelenke und ganz hinten noch die Kapseln, die Tante Erna empfohlen hat.

Wofür waren die eigentlich noch mal?

Keine Ahnung. Aber Tante Erna schwört seit 1998 darauf.

Irgendwann wird aus der natürlichen Hausapotheke ein kleines Forschungsprojekt.

Auch bei pflanzlichen Mitteln ist deshalb eine ziemlich unspektakuläre Regel sinnvoll:

So viel wie nötig, so wenig wie möglich – und wissen, warum man etwas nimmt.

Vor allem länger anhaltende, wiederkehrende oder unklare Beschwerden sollte man nicht monatelang auf eigene Faust behandeln.

Heilpflanzen können viel.

Eine Diagnose stellen können sie nicht.

Selbst gesammelt? Dann bitte wirklich sicher bestimmen

Noch ein Punkt wird gern unterschätzt: Nicht jede Heilpflanze kommt ordentlich beschriftet aus der Apotheke.

Wildkräuter selbst zu sammeln macht Spaß und ist eine wunderbare Möglichkeit, Pflanzen kennenzulernen. Aber nur dann, wenn man wirklich weiß, was man vor sich hat.

Denn manche essbaren oder medizinisch genutzten Pflanzen haben giftige Doppelgänger.

Wer sich bei der Bestimmung nicht sicher ist, lässt die betreffende Pflanze deshalb besser stehen.

Pflanzen-Apps können beim Bestimmen hilfreich sein. Aber wenn eine App sagt: „Zu 82 Prozent könnte das möglicherweise Pflanze XY sein“, wäre das für mich noch kein überzeugendes Argument, das Fundstück anschließend zum Abendessen zu servieren.

Im Zweifelsfall gilt: anschauen ja, aufessen nein.

Muss man jetzt vor Heilpflanzen Angst haben?

Nein.

Das wäre genauso unsinnig wie die Behauptung, alles Pflanzliche sei automatisch ungefährlich.

Viele Heilpflanzen werden seit langer Zeit verwendet, und zu zahlreichen pflanzlichen Arzneimitteln gibt es heute wissenschaftliche Erkenntnisse über Wirkung, Anwendung, Dosierung und mögliche Risiken.

Entscheidend ist der vernünftige Umgang damit.

Wer sich gelegentlich eine Tasse Kamillentee kocht, muss vorher keine pharmakologische Doktorarbeit verfassen. Und niemand muss beim Anblick eines Salbeiblattes hektisch den Giftnotruf wählen.

Aber bei hoch konzentrierten Präparaten, längerer Anwendung, bestehenden Erkrankungen oder gleichzeitiger Medikamenteneinnahme lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Denn Heilpflanzen verdienen denselben Respekt wie andere wirksame Mittel auch.

Der Kräuterfuchs meint …

Ich mag Heilpflanzen gerade deshalb, weil sie mehr sind als hübsches Grünzeug am Wegesrand.

Sie enthalten Stoffe, die tatsächlich etwas in unserem Körper bewirken können.

Aber genau darin steckt auch der entscheidende Punkt:

Eine Pflanze wird nicht dadurch besser, dass wir ihr alles zutrauen – und sie wird nicht schlechter, wenn wir ihre Grenzen kennen.
Wer weiß, wann eine Heilpflanze sinnvoll ist, wie sie angewendet wird und wann Vorsicht geboten ist, kann ihre Möglichkeiten viel besser nutzen.

Oder anders gesagt:

Natürlich heißt nicht harmlos. Aber gut informiert heißt auch nicht ängstlich.

Und genau darum geht es beim Kräuterfuchs: hinschauen, nachfragen und herausfinden, was wirklich hinter unseren Heilpflanzen steckt.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information über Heilpflanzen und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden, bestehenden Erkrankungen oder der Einnahme von Medikamenten solltest du ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen.